Jedes Kind kann Reiki. Jeder Greis. Eine besondere Freude und Ehre ist es, geistig oder körperlich behinderte Menschen auf reiki einstimmen zu dürfen. Das Schöne an der Reiki-Praxis ist die Einfachheit!
So etwa sage ich es gerne an meinen öffentlichen Vorträgen. Seit 34 Jahren. Auch gerne als Einführung an Fachkongressen. Gepaart mit der Aussage, dass das Wichtige an Reiki die Selbstbehandlung ist.
(Ich schreibe im Folgenden reiki, wenn ich das energetische Phänomen meine, und Reiki, wenn ich von der Praxis, Lehre oder Geschichte rede.)
Für den Laien ist Reikis Simplizität ein starkes Argument, ihm eine Chance zu geben, es mal auszuprobieren. Keine religiösen oder anderen Überzeugungen sind notwendig, keine Konzentration, kein besonderes Mindset. Im Gegensatz zu herkömmlichen Energieanwendungen schwächt reiki die ausführende Person nicht, sondern stärkt sie gar. Keine Dogmen oder Gebote herrschen in Reiki. Ja, auch diesbezüglich herrscht das Gegenteil vor: Die Praxis hilft uns, uns von schädlichen Mustern zu befreien.
„Kinderleicht!“
Schon Hawayo Takata (1900–1980), die Schlüsselfigur in der globalen Entfaltung von Reiki, sagte bereits: „Reiki ist kinderleicht.“ Gut ist, wenn man auf 4 zählen kann. (Es gibt jeweils 4 Handstellungen am Kopf, am Torso vorne und hinten – siehe Körperpositionen.)
Die Begründung
Leider – oder gottseidank – lässt sich reiki nicht als Energie im herkömmlichen physikalischen Sinne beschreiben, denn es kann nicht gesteuert werden und entzieht sich den geltenden Definitionen von Energie. Das bedeutet in der Praxis, was alle Praktizierenden schon erfahren haben: reiki ist ohne unsere Diagnose und Analyse einsetzbar. Es scheint eine eigene ‚Intelligenz‘ zu haben und lässt sich weder manipulieren noch steuern. Diese Selbständigkeit befreit uns völlig und entlässt uns in eine Statistenrolle, in der wir buchstäblich nur der Handlanger sind.
Hände drauf und gut ist.
In der Physik, insbesondere in der Quantenphysik, sind solche ‚nicht polarisierten‘ Phänomene bekannt. Die moderne Physik, insbesondere die Quantenphysik, hat unser Bild von einer eindeutig bestimmbaren Welt erheblich verändert. Begriffe wie Unbestimmtheit (Teilchen oder Welle?) erinnern uns daran, dass die Wirklichkeit nicht immer so eindeutig beschreibbar ist, wie man es gerne hätte.
Solche Referenzen in wissenschaftlichem Fachjargon klingen alles andere als einfach. Mag sein. Aber es ist diese Eigenart, die in der Reiki-Praxis beobachtbar ist und uns verstehen hilft, weshalb das energetische Phänomen, mit dem wir arbeiten – reiki – keine ‚normale‘ Energie ist.
Oder einfacher gesagt: Usui hat das von ihm entdeckte Phänomen mit Rei und Ki benannt, weil er in der Praxis reikis Unberechenbarkeit oder ‚Eigenintelligenz‘ erfahren hat. Deshalb lässt sich die Bezeichnung Reiki auch so lesen: Rei vor Ki – als Hinweis darauf, dass das, womit wir arbeiten, nicht einfach eine gewöhnliche Form von Ki ist. Ki (chinesisch: Qi) bezeichnet ein weites Spektrum von Vorstellungen, die im Westen häufig als Energie zusammengefasst werden. Das Rei verweist auf etwas, das über das gewöhnliche Verständnis von Ki in der polarisierten Welt hinausweist.
Das Problem
Wir alle wissen, wie schwierig es ist, zu erklären, wie unsere Praxis funktioniert. Gerade weil reiki sich ausserhalb unseres Einflusses bewegt (selbständig ‚weiss‘, wo es wirken muss, wo im Wesen sich die ursprünglichen sowie die symptomatischen Unausgewogenheiten befinden) und keiner Diagnose oder Analyse bedarf – also all das, was es so einfach zugänglich macht –, steht es im krassen Widerspruch zum vorherrschenden Zeitgeist, der alles Berechenbare und Kontrollierbare zelebriert.
Das Diktat des Rationalen steht der quecksilbrigen reiki-Qualität diametral gegenüber.
Entweder oder?
Für manche Reiki-Praktizierende ist die eigene Sehnsucht nach Verständnis und der vorherrschende Drang nach Verstehen und Begreifen so dominant, dass sie sich immerfort mehr Informationen aneignen wollen. So ist zum Beispiel auf Facebook zurzeit ein Autor enorm populär, der unter einem Pseudonym (Mamoru Wakatake) immer vielfältigere und detailliertere historische Informationen erörtert. Der Mann bezieht sich auf das ureigene Wissen der Usui Reiki Ryoho Gakkai, die Organisation, die Mikao Usui vor gut 100 Jahren gegründet hat. Um mich in meiner Rolle als Reiki-Lehrer (nicht als Praktizierender!) auf dem Laufenden zu halten, verfolge ich die Posts. Sie erinnern mich oft an dieses geflügelte Wort: Ein Spezialist ist einer, der sich auf immer mehr über immer weniger konzentriert, bis er alles über nichts weiss.
Spannenderweise kann man – so man will – in den Aufdeckungen des Gakkai-Whistleblowers die moderne Reiki-Praxis, wie sie im westlichen Reiki von Hawayo Takata und insbesondere im Usui Shiki Ryoho wiedergegeben ist, bestätigt finden. So findet man zum Beispiel die eingangs gemachte und lapidar klingende Aussage im westlichen Reiki „Hände drauf!“, welche die Praxis mit der Berührung so gut veranschaulicht, dann wieder, wenn der Japaner von „Teate Ryoho“ (traditionelles Handauflegen) ‘ spricht. Und das bringt uns zum Titel dieses Artikels.
Beides!
Die Herausforderung mit der Einfachheit muss schon in den allerersten Erfahrungen Usuis vor hundert Jahren bestanden haben. Für ihn dürfte die Quantenphysik, die mit Einstein, Bohr und Planck gerade begonnen hatte und die uns heute theoretischen Erklärungsspielraum gibt, kein Thema gewesen sein. Der Fokus war auf der Praxis. Auch gab es im damaligen Japan religiöse und weltanschauliche Traditionen, in denen Vorstellungen, die uns heute als unerklärlich erscheinen mögen, durchaus ihren Platz hatten. Dass sich aber bereits damals eine Spannung zwischen dem Begriff Ki und den besonderen Eigenschaften von reiki erkennen liess, liegt auf der Hand. So gesehen ist die Simplizität in der Reiki-Praxis nichts Neues. Gleichzeitig stellt sie Herausforderungen an uns heute, die mehr denn je unkonventionell und progressiv sind.
„Intelligenz ist die Fähigkeit, zwei gegensätzliche Ideen gleichzeitig im Kopf zu behalten und trotzdem zu handeln.“
Anachronismus oder Avantgarde? Beides! Was vor hundert Jahren selbstverständlich gewesen sein mag, wirkt heute revolutionär: die Bereitschaft, etwas zu praktizieren, ohne es kontrollieren, erklären oder gar verstehen zu müssen. Einfach. Reiki.
René Vögtli
Sikinos im August 2026
NB
- Ich schreibe reiki in diesem Artikel, wenn ich das energetische Phänomen meine, und Reiki, wenn ich von der Praxis, Lehre oder Geschichte rede.
- Das letzte Zitat wird dem amerikanischen Autor F. Scott Fitzgerald (1896-1940) zugeschrieben.
