Geht das überhaupt, sich selber ent-schuldigen? Das ist doch wie mich selbst an den Haaren aus dem Sumpf ziehen … geht nicht. Wie dann denn?
Der Andere, er entlässt mich aus meiner Verpflichtung, wenn ich ihm Unrecht angetan habe. Ich bin Bittsteller, wenn ich mich fehlverhalten habe.
Gestern…
…hatte ich nachmittags um halb Zwei ein Treffen mit einem Reiki-Praktizierenden. Wir hatten uns zuvor lediglich virtuell im Internet getroffen. Ich bin da Teil eines Kreises, der sich intensiv und professionell mit Reiki beschäftigt und hatte ihn dort kennengelernt. Knapp vierzig Jahre alt und Vater eines Sohnes, mit dem er sich prächtig zu verstehen scheint. Preusse.
Spontan hatte er vor 10 Tagen gemeint, dass er am Bodensee Ferien mache und wir uns doch treffen könnten. Er würde dann über den See zum Schweizer Ufer schippern. Ich stimmte ein, trotz zweistündiger Hin- und Rückfahrt im Zug. Ich freute mich auf die Reise und darauf, eine neue Bekanntschaft mit einem interessanten Mann zu machen. Neulich hatte er eine spannende Arbeit geschrieben, die ich für die Akzeptanz von Reiki in der Gesellschaft von Bedeutung halte.
Es war heiss gestern. „Der letzte Hitzetag dieses Sommers“ schrieben die Zeitungen. Der Zug war nicht überfüllt und schweizerisch pünktlich. Trotzdem konnte ich vom Bahnhof aus schon sehen, dass seine Fähre bereits angekommen war. Ich eilte zum Pier und suchte ihn. Vergebens. Er kam nicht. Ein Missverständnis? Mein Fehler? Handynummer hatte ich keine und mir blieb nach einer Stunde nichts anderes als wieder durch die halbe Schweiz zurückzufahren. Zu Hause schrieb ich ihm ein Mail mit einem grossen Fragezeichen. Prompt erhielt ich Antwort:
„…das ist mir jetzt sehr peinlich, bitte verzeih mir. Ich habe unser Treffen für morgen eingetragen und hätte dann wohl gewartet so wie du heute. Ich bitte Dich inständig um Entschuldigung. Das ist überhaupt nicht meine Art. Ich weiss nicht wie mir das passieren konnte. Kriegen wir spontan morgen das Treffen so wie heute hin? Ich würde dir auch die entstandenen Kosten für die vergebliche Fahrt erstatten. Das ist vielleicht das Mindeste.“
So wichtig war mir das Treffen nun auch wieder nicht. Es würde an Reiki-Konferenzen noch viele Möglichkeiten geben. Es gab weder Notwendigkeit noch Dringlichkeit, ihn treffen zu müssen. Es war ja nur ein Plausch. Zu tun hatte ich auch einiges. Soll ich ein zweites Mal praktisch einen ganzen Tag für eine zweistündige Plauderei aufbringen?
Heute
Soeben bin ich nach Hause gekommen. Wir hatten uns am Hafen getroffen. Weshalb ich gegangen bin? Nicht wegen der aussergewöhnlichen Höflichkeit des Mannes. Oder weil ich was wollte, brauchte oder besonders neugierig gewesen wäre. Nein, weil da einer verstanden hatte wie man sich entschuldigt. Das hat mich in jeder Hinsicht bewegt.
„Ich bitte Dich um Entschuldigung.“
Ich sitze an meinem Schreibtisch und tippe voller Dankbarkeit, weil dieses Geschichtlein alle wesentlichen Komponente eines Versöhnungsprozesses beinhaltet. In ihm bin ich das „Opfer“, er der „Täter“ – bewusst wähle ich diese theatralischen Überspitzungen, um dadurch die Dynamik so hell wie möglich auszuleuchten.
Klärung
Ohne anzuklagen hatte ich nachgefragt. Hätte ja sein können, dass es mein eigenes Missgeschick war oder dass ein äusserer Umstand unser Treffen verhindert hatte. Schnell und ehrlich klärte er, was geschehen war und nahm sich in die Verantwortung.
Entschuldigung
Er bat mich um Entschuldigung. Konsequent und gradlinig, nicht mit dieser eingangs angesprochen verkümmerten Wortwahl. Ja, er bat sogar darum, dass ich ihm verzeihe. Ich konnte ihm die Entschuldigung sofort gewähren, wegen seinem spürbaren Bedauerns und weil ich mich gut in seine Lage versetzen konnte. Aber auch weil:
Wiedergutmachung
Oftmals ist dies „lediglich“ eine Geste. In dieser Geschichte bestand das Wiedergutmachungsangebot ganz konkret darin, die Reiseauslagen zu begleichen. Im Gespräch erwog er gar die von mir investierte Zeit. Wir einigten uns auf den Betrag des Zugbillets und ich nahm die Noten mit Freude entgegen.
Versöhnung
Etwa so kann Versöhnung tatsächlich ablaufen, hier durch diese kleine Geschichte illustriert.
Die Dynamik und die erwähnten Komponenten kommen auch bei den grossen Dramen zum Tragen. Sogar wenn der Täter bereits gestorben ist, kann ihm verziehen werden. Wenn das Opfer nicht mehr lebt, ist es für den Täter schwieriger, aber nicht unmöglich, Versöhnung gewährt zu erhalten.
Vergeben und Verzeihen ist etwas ganz Zentrales in allen menschlichen Beziehungen. Ich habe den Eindruck, in unserer Kultur haben wir nie so richtig gelernt wie das zu vollziehen ist. Allzu schnell kommt ein „Jaja, schon gut“ auf ein hingeschludertes „´tschuldigung“. Gar nichts ist gut! Nur verdrängt, unter den Teppich gekehrt ist es. Es wird mit grosser Wahrscheinlichkeit wieder auftauchen („Damals, als du mich im Stich gelassen hast“).
Einfordern und Annehmen
Eine Herausforderung hierzulande ist auch das Einfordern einer Entschuldigung, wenn sie vom Täter nicht angeboten wird, so wie mein neugewonnener Freund es beispielhaft gemacht hat. Und das Thema der Wiedergutmachung ist eine besonders grosse Hürde. Sie anzubieten zum einen. Aber sie anzunehmen, gar einzufordern, das sieht man selten.
Die finale Geste in meiner kleinen Geschichte, als ich das Geld von ihm in Empfang nahm, versiegelte den Prozess. Es hat etwas Endgültiges und mich dünkt, dass das An- und Entgegennehmen der Wiedergutmachung vielleicht der gösstmögliche Akt der Gnade eines „Opfers“ ist. Damit lässt es die Macht über den „Täter“ für immer los.
Zeichen der Kraft
In diesem „evergreen“ Video reden die beiden Grossmeister der Aussöhnung, Bischof Tutu und der Dalai Lama, über die Macht des Loslassens, des Verzeihens. Immer wieder sehenswert. (Deutsche Untertitel evtl. anschalten.)
Just do it
Noch vieles gäbe es zu sagen. Aus der Sicht des „Opfers“ sowie der des „Täters“. Besser noch, als darüber zu reden, ist es zu tun. Möge reiki uns dienen, die Kraft und den Mut, die Zuversicht und Grosszügigkeit und vorallem die Selbstliebe in uns zu finden und zu stärken, auf dass wir um Verzeihung bitten. Oder, umgekehrt, eine Entschuldigung einzufordern.
René Vögtli
NB: Schuld haben oder schuldig sein … Juristen dürften dazu was zu sagen haben … mein Thema ist es hier nicht.
Danke!!!!!!
🙏🏻💖
Vielen, vielen Dank für diesen tollen Artikel, lieber René. Ich bin Dir sehr dankbar.
Auch das Ausleuchten des Begriffs „radikal“ finde ich grandios, und hat mich sehr angesprochen.
Karin
Zur Erklärung: Karin bezieht sich auf den Newsletter 3/2018 mit dem Titel „radikale Ruhe“.